Emotionen führen: So stärken Sie Ihre emotionale Kompetenz

Christine Paulus Management Emotionale Kompetenz

Gestatten Sie uns einen abendlichen Ausflug in den Jazz-Club. Wer zieht Sie in den Bann? Der fingerfertige Solo-Pianist, der Sie beeindruckt mit seinen jagend virtuosen Läufen? Mich auf jeden Fall.

Erfahrungsgemäß werde ich dessen allerdings im Laufe eines Abends müde. Stattdessen schenke ich meine Aufmerksamkeit dem Bassisten, der seine innere Bewegtheit auf den Bass-Saiten Ausdruck verleiht und sein Spielen in den Kontext der gesamten Jazz-Formation setzt. Ich folge ihm, lasse mich führen. Ginge es Ihnen ähnlich?

Wie im Jazz so auch im Business: Fachliche Expertise ist das eine – erst der persönliche Ausdruck bringt die Musik auf die Bühne. Wenn das Zurückhalten von Emotionen im Geschäftsleben nicht der Weg ist, ist es dann das völlige Ausleben sämtlicher emotionaler Reaktionen? Sie werden vehement widersprechen. Im Business-Kontext nicht möglich. Ich stimme Ihnen zu. Meiner Meinung nach ist der Weg für den Umgang mit Emotionen sowohl im persönlichen Leben als auch auf der Bühne und vor allem im Business: die emotionale Kompetenz.

Sie bekommen nun das Konzept der emotionalen Kompetenz an die Hand und Experimente aus dem Coaching für Ihre Selbstreflexion. Mit diesem Beitrag nehme ich teil an der Blog-Parade der Manufaktur für Wachstum: Emotion schafft mehr Wert. Den Besuch der stilvollen Website mit inspirierendem Gedankengut lege ich Ihnen ans Herz!

Emotionale Kompetenz

Als private Person bin ich beim Eintreten in ein professionelles System konfrontiert mit Anforderungen: Ökonomische Entscheidungen soll ich treffen, rationale Analysen durchführen, mein Arbeits- und Kommunikationsverhalten an Kennzahlen und Effektivität ausrichten. Als Person bleibe ich jedoch verbunden mit meinen persönlichen Erfahrungen, Motiven, Bedürfnissen – und Emotionen.

Die Fertigkeit, mit Gefühlen umzugehen und sinnvoll zu nutzen, wirkt auf unzählige Bereiche professionellen Handelns: auf das Managen von Konflikten, auf die Arbeit im Team, auf das Treffen von Entscheidungen, auf die Gesprächsführung und Beziehungsgestaltung, auf das Zeitmanagement.

Travis Bradberry und Jean Greaves beleuchten dies in ihrem Buch „Emotional Intelligence 2.0“. Statt einer (angeborenen) emotionalen Intelligenz nutze ich lieber den Begriff der emotionalen Kompetenz, weil die Coachingpraxis zeigt, dass es sich beim Emotion-Management um eine Fertigkeit handelt, die wir entwickeln können.

Eine Person, die emotional kompetent ist,

  • nimmt die eigenen Gefühle, Motive und Bedürfnisse wahr und steuert sie,
  • nimmt die Gefühle, Motive und Bedürfnisse anderer Personen wahr und
  • integriert beides, um Interaktionen konstruktiv und situationsangemessen zu gestalten.

Bradberry und Greaves nutzen ein Modell, das es erlaubt, sich dem Konzept der emotionalen Kompetenz Schritt für Schritt zu nähern. Ich nutze dies als Grundgerüst und reiche es mit meiner Erfahrung und Experimenten aus dem Coaching an.

1. Die persönliche Bewusstheit

Zunächst beleuchten wir die persönliche Kompetenz und richten den Scheinwerfer auf uns als Individuum. Durch die persönliche Bewusstheit nehmen wir die eigenen Emotionen und Stimmungen bewusst wahr und entwickeln ein klares Verständnis für unsere Motive und Bedürfnisse.

Wenn im Büro-Flur jemand das Grüßen versäumt, im Meeting eine flapsige Bemerkung fällt, der Mail-Kontakt konfliktbehaftet ist: Zunächst gilt es, Ärger, Frust oder andere emotionale Reaktionen als solche bewusst zu erkennen und vor allem anzuerkennen. Im zweiten Schritt reflektieren wir, ob es spezielle Situationen gibt, in denen bestimmte Gefühle wie auf Knopfdruck entstehen.

Mein Coaching-Experiment für Sie:

Selbstreflexion steigert Ihre persönliche Bewusstheit. Nehmen Sie sich ab heute zehn Minuten Zeit am Tag und stellen sich die Frage: „Was fühle ich gerade?“ Notieren Sie Ihre Antworten.

2. Das Selbst steuern

Wir belassen den Scheinwerfer auf uns als Individuum und richten unsere Aufmerksamkeit auf die Selbststeuerung. Sind wir uns unserer Gefühle bewusst, können wir anschließend unser Verhalten an spezielle Situationen flexibel anpassen. Das bedeutet, negative oder störende Impulse und Gefühle zu akzeptieren und spontane emotionale Reaktionen zugunsten langfristiger Ziele zu steuern.

Für den Büro-Flur, das Meeting oder den Mail-Kontakt kann dies Folgendes bedeuten: Eine spontane Reaktion wäre ein verärgerter Kommentar oder ein stilles innerliches Grollen. Stattdessen registrieren Sie, dass Ihr langfristiges Ziel eine optimistische, positive, ruhige oder freundliche Grundhaltung ist und gehen beispielsweise kurz an die frische Luft. Damit steuern Sie Ihre Reaktion selbst.

Mein Coaching-Experiment für Sie:

Innere Bilder unterstützen Ihre Selbststeuerung. Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie negative oder störende Gefühle hatten. Malen Sie sich innerlich Ihre eigene positive Reaktion aus, die Sie beim nächsten Mal zeigen möchten. Stellen Sie sich deshalb diese Fragen: „Wie will ich mich (stattdessen) fühlen?“ und „Wie will ich mich (stattdessen) verhalten?“ Notieren Sie Ihre Antworten.

3. Die soziale Bewusstheit

Beleuchten wir nun die soziale Kompetenz und richten den Scheinwerfer auf die Personen um uns herum. Durch die soziale Bewusstheit nehmen wir Gefühle, Stimmungen und Verhalten anderer Personen bewusst wahr und entwickeln ein Verständnis für die Motive und Gedanken anderer Menschen. Wir kennen das als Empathie.

Auf dem Büro-Flur, im Meeting, im Mail-Kontakt: Soziale Bewusstheit ermöglicht es uns, jeweils die Perspektive unseres Gegenübers einzunehmen und uns einzufühlen, um mögliche Motive und Bedürfnisse zu erspüren. Beobachten und Zuhören sind hierfür wichtig.

Mein Coaching-Experiment für Sie:

Ihre Vorstellungskraft unterstützt Ihre soziale Bewusstheit. Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie als Reaktion auf das Verhalten einer anderen Person negative oder störende Gefühle gespürt haben. Was wissen Sie über diese Person? In welcher Situation befand sie sich in dem Moment? Was hat sie vielleicht gefühlt? Was hat sie vielleicht gedacht? Was braucht sie (von Ihnen)? Wichtig: Sie erlangen dadurch keine Erkenntnisse mit Wahrheitsgehalt. Durch die Perspektivübernahme trainieren Sie Ihre Fertigkeit zur Empathie.

4. Die Beziehungen gestalten

Lenken wir den Scheinwerfer von der anderen Person weiter auf die direkte Interaktion und Beziehungsgestaltung zwischen ihr und uns. Sind wir uns unserer eigenen Gefühle bewusst und haben einen Eindruck von den Gefühlen unseres Gegenübers, können wir mit diesen Informationen die aktuelle Interaktion führen. Das zeigt sich zum Beispiel in klarer Kommunikation und konstruktivem Verhalten im Konfliktfall. Wir gestalten Beziehungen zu unterschiedlichen Menschen und sehen das Gute in ihnen – insbesondere in den Beziehungen, die schwierig erscheinen.

Für den Büro-Flur, das Meeting oder den Mail-Kontakt kann dies Folgendes bedeuten: Sie haben Ihre eigenen Gefühle, Motive und Bedürfnisse wahrgenommen und gesteuert. Sie haben die Perspektive der anderen Person eingenommen. Nun können Sie dies integrieren. Zum Beispiel ob Sie über den jeweiligen Vorfall hinwegsehen, weil es sich um eine Einmaligkeit handelt. Oder Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass ein klärendes Gespräch unter vier Augen sinnvoll für die Beziehungsgestaltung ist. Das setzen Sie um.

Mein Coaching-Experiment für Sie:

Ihre Intuition unterstützt Ihre Beziehungsgestaltung. Jetzt fordern Sie sich heraus. Zunächst erinnern Sie sich an eine Situation – ähnlich der des vorangegangenen Experiments. Häufig wühlt uns ein Verhalten anderer Personen auf, das wir selbst manchmal an den Tag legen. Was an dem Verhalten Ihres Gegenübers könnte etwas mit Ihnen zu tun haben? Folgen Sie Ihrer Intuition. Notieren Sie Ihre Antworten.

Entwickeln Sie Ihre emotionale Kompetenz

Haben wir eine hohe emotionale Kompetenz entwickelt, können wir zu unterschiedlichen Menschen Beziehungen aufbauen. Wir bleiben ruhig, gelassen und sortiert im Fall von Missverständnissen oder Konflikten. Wir blicken positiv auf das, was innerhalb des Unternehmenskontextes passiert, haben Vertrauen in unsere Teammitglieder, in unsere Aktivitäten und in unsere Intuition. Wir schätzen die Wahrnehmung und Gefühle der Personen um uns herum und übernehmen Verantwortung für unser emotionales Erleben.

Um sich dem zu nähern, haben wir die vier Ebenen der emotionalen Kompetenz beleuchtet und in der Selbstreflexion erprobt. Emotionale Kompetenz zu entwickeln ist ein langer und intensiver Prozess! Jeden Tag können wir daran wachsen, unsere Motive, Bedürfnisse und Emotionen mit unserem professionellen Agieren in Einklang zu bringen.

Machen wir also weiter und schaffen wir gemeinsam mehr Wert durch Emotion! Was meinen Sie: Emotionen im Business sind…?

Literatur: Bradberry, T. & Greaves, J. (2009). Emotional Intelligence 2.0. San Diego: TalentSmart.

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