Neun jazzy (!) Tipps für Führungskräfte

Christine Paulus Führungskräfte Management Jazz

Im Zuschauerraum und auf der Bühne: Dieses Jahr war ich wieder als Zuhörerin und Musikerin auf dem Jazzfestival in Göttingen. „Büro ist wie Jazz – nur ohne Musik“, sagt Stromberg. Da ich gerne über den Tellerrand der Disziplinen schaue, machte ich mir anschließend Gedanken über eine mögliche Verbindung zwischen Jazz und Business. Was haben ein guter Jazzmusiker bzw. eine gute Jazzmusikerin und eine gute Führungskraft gemeinsam? Hier meine Überlegungen!

Was beginnt wie ein guter Witz – „Was haben ein guter Jazzmusiker und eine gute Führungskraft gemeinsam?“ – ist eine wunderbare Metapher für den Führungsprozess. Hier meine neun jazzy Tipps für Führungskräfte:

  1. Training macht den Meister.
  2. Struktur und Freiraum nutzen.
  3. Improvisation und Intuition zulassen.
  4. Solieren und Begleiten schätzen.
  5. Herausfordern: sich und andere.
  6. Der Ton macht die Musik.
  7. Fehler und kreative Ideen fördern.
  8. Persönlichkeit zählt.
  9. Bühne lehrt mehr als Probenraum.

1. Training macht den Meister.

JazzmusikerInnen lieben ihr Tun, haben Freude am gemeinsamen musikalischen Gestalten – ob im Probenraum oder auf der Bühne. Doch: Es ist harte Arbeit. Irgendwann einmal haben sie äußerst intensiv dafür geübt. Und die Besten tun es immer noch, vorzugsweise täglich. Seien es musikalische Phrasen, rhythmische Motive, Tonleitern, typische Harmonie-Wechsel. Diese sind ihr Handwerkszeug, um auf neue, aber ähnliche Situationen angemessen und rasch einzugehen.

Auch als Führungskraft gilt es sich gewisse Fertigkeiten anzueignen. Zum Beispiel das Führen wirksamer Gespräche mit MitarbeiterInnen. Niemals wird ein und dasselbe Gespräch zweimal zu führen sein. Doch in der Grundstruktur, den Themen, den GesprächspartnerInnen treten Ähnlichkeiten auf. Der Umgang mit vergleichbaren Situationen wird zur Routine, wenn man sie trainiert. Um Standardsituationen aus dem Führungsalltag zu üben unterstützen Führungskräftetrainings, Gespräche im Coaching oder die regelmäßige Selbstreflexion. Denn „live“ kann man nicht wiederholen. Weder als JazzerIn noch als Führungskraft!

2. Struktur und Freiraum nutzen.

Spielen JazzerInnen ein Stück, haben sie dazu für gewöhnlich eine klare Struktur. Sie besteht aus einer zumeist eindeutig festgelegten Folge von Takten, Harmonien und Abläufen. Innerhalb dieser bewegt sich jede/r MusikerIn flexibel und nutzt seine/ihre persönlichen und kreativen Möglichkeiten. So kann selbst aus einem ganz alten, bekannten Stück immer wieder etwas Neues, Innovatives entstehen. Deshalb gibt es von vielen Jazzstücken nicht nur drei, vier Cover, sondern zumeist mindestens dreistellig viele Interpretationen.

Auch die Führungskraft agiert in einer zumeist vorgegebenen Struktur und bleibt dabei dennoch flexibel, um auf Veränderungen eingehen zu können. Vor allem aber gibt sie das angemessene Maß an Struktur ihren MitarbeiterInnen, sodass auch diese in einem bekannten Rahmen agieren und Neues entstehen lassen können. Dazu gehört auch Kontrolle abzugeben. Für individuelle Führungssituationen gibt es kein Skript – aber zumeist doch immerhin einen groben Ablaufplan.
Wie aus einer bekannten Struktur etwas Neues entstehen kann, veranschaulicht folgendes Video: Deep Purple „covert“ Deep Purples „Smoke on the Water“.

3. Improvisation und Intuition zulassen.

Jazz ist Improvisation. Improvisation bedeutet „Ja“ zu sagen zu dem, was und wie die MitmusikerInnen spielen. Zwar hat der/die JazzerIn sein/ihr Repertoire, die trainierten Tonleitern, Phrasen und Motive – doch während des Spielens wird auf das bewusste Abrufen dieser verzichtet. Sowohl bereits gemachte Erfahrungen als auch das Gelernte werden bestenfalls „vergessen“ und lediglich intuitiv (re-)agiert. Dieses intuitive Improvisieren kann jedoch erst entstehen aufgrund der bereits gemachten Erfahrungen und der trainierten Fertigkeiten.

Auch Führungskräfte hatten zumeist schon mit unterschiedlichen Personen und Projekten zutun. So können sie ebenfalls aus ihrem Repertoire, ihrer Erfahrung und ihrem Training schöpfen. Wie gehen sie mit der alltäglichen Komplexität, Unsicherheit und Veränderung um? Indem sie (häufig intuitiv) ihre gelernten Fertigkeiten nutzen. Welche in der entsprechenden Situation angemessen sind, sagt ihnen ihre bisherige Bühnen- bzw. Business-Erfahrung.

4. Solieren und Begleiten schätzen.

Für JazzmusikerInnen ist er selbstverständlich: der Wechsel zwischen Solieren und Begleiten. Der/die SolistIn spielt, er/sie wird von der Band unterstützt. So greift der Schlagzeuger eine rhythmische Idee vom Saxophonsolo auf, bringt das Solo dadurch noch mehr zur Geltung. Zwischen SolistIn und Begleitung besteht eine direkte Verbindung – sie reagieren aufeinander, antworten, nehmen Ideen auf, spinnen sie weiter, man fordert einander heraus, gibt Impulse. All dies wird getragen von einem gemeinsamen Rhythmusempfinden, dem Groove.

Die Führungskraft ist SolistIn. Sie geht voran, sie ist Vorbild. Doch Führung funktioniert nicht ohne Geführte, nicht ohne Beziehung und Austausch. Die gute Führungskraft gibt ihren MitarbeiterInnen Material und Denkanstöße – begleitet sie. Sie gibt ihnen die „Bühne“, um noch besser zur Geltung zu kommen. Sie äußert offen Wertschätzung, bietet aktiv Unterstützung an, fördert und folgt den Denkprozessen der Geführten. Bestenfalls fördert sie eine Kultur, in dem sich das Team gegenseitig unterstützt und Ideen weiterentwickelt. Das Team „groovt“.

5. Herausfordern: sich und andere.

JazzerInnen wissen: Hat man zuviel, zu einseitig geübt, so wird man nur spielen, was man gelernt hat. Aus Routine und Gewohnheit. Wer nicht wagt und ausprobiert, wird kaum etwas Ansprechendes entwickeln. Die Kunst: das Gelernte vergessen und Mut beweisen. Sich wechselseitig herausfordern und wagen, auch wenn es der unsichere Weg ist. Denn dies kitzelt das eigene Potenzial heraus!

Auch die Führungskraft wird durchgehend herausgefordert: die Komplexität der Aufgaben und stetige Veränderungen erfordern einen Schritt aus der eigenen Komfortzone. Auch gegenüber den MitarbeiterInnen gilt es ein kalkuliertes Risiko einzugehen und sie aus ihrer Komfortzone zu locken. Werden sie entsprechend gefordert, so werden sie ihre Führungskraft überraschen. Denn an Herausforderungen und Veränderungen wachsen die MitarbeiterInnen.

6. Der Ton macht die Musik.

JazzmusikerInnen hören einander beim Spielen äußerst genau zu. Dies ermöglicht ihnen die Ideen der MitmusikerInenn zu verstehen und entsprechend zu reagieren. Sowohl beim Begleiten als auch beim Solieren sind die Ohren gespitzt. Wenn möglich, beobachten die JazzerInnen einander auch, um ableiten zu können, ob der Solist zum Beispiel noch länger Solo spielt, wer als nächstes übernimmt oder ob die Gruppe gemeinsam zu einem weiteren Abschnitt im Stück übergeht. Im Jazz ist es offensichtlich: Der Ton macht die Musik.

Auch in Führungsprozessen ist es wichtig sich regelmäßig bewusst zu machen, dass es nicht nur darauf ankommt, was man sagt, sondern wie man es sagt. Die Führungskraft verschließt sich zudem nicht innerhalb ihrer Aufgaben, sondern öffnet den Blick für ihre MitarbeiterInnen, beobachtet und hört „aktiv“ zu. Dass frischen Führungskräften oftmals der Blick für ihre MitarbeiterInnen fehlt, zeigt mein Artikel, in dem ich über ein Ergebnis meiner Masterarbeit berichte.

7. Fehler und kreative Ideen fördern.

Jazz ist keine Disziplin, die man erlernt – und wenn man sie dann gelernt hat, geht man auf die Bühne und spielt perfekt. Unpassende Töne oder Rhythmen gehören dazu. Doch ein Fehler ist kein Fehler, sondern eine Idee, ein Impuls aus dem Neues entsteht. Es ist eine Möglichkeit zu lernen.

Eine gute Führungskraft schafft eine Kultur, in der über Fehler gesprochen wird und in der von ihnen gelernt werden kann. Die Angst vor Fehlern zu nehmen, fördert Kreativität. Dazu gehört auch Anregungen und Hinweise von MitarbeiterInnen zuzulassen und wertzuschätzen. Ein unangemenssener Umgang mit „Fehlern“ macht aus einem Fehler erst einen „richtigen“ Fehler. Diese MusikerInnen veranschaulichen in ihrem Video, warum es eigentlich keine Fehler gibt.

8. Persönlichkeit zählt.

Jazz macht eine Person, die es von inneren heraus tut, die Begeisterung empfindet für diese Musikrichtung. Wer authentisch auftritt, wird ernst genommen und kann erfolgreich sein. Erfolg bedeutet nicht (nur) eine Zuhörerschaft haben, sondern auch MitmusikerInnen, die sich gerne dazugesellen, Respekt empfinden und Anerkennung zeigen.

Führen sollte eine Person, die weiß, was Führung bedeutet und die es tatsächlich will und sich mit den entsprechenden Aufgaben identifiziert. Die sich nicht für ihre „Zuhörerschaft“ verbiegt. Dabei spielt die Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen zumeist eine untergeordnete Rolle. Ob extrovertiert oder introvertiert – eine charakterliche Integrität zählt. Genau wie im Jazz.

9. Bühne lehrt mehr als Probenraum.

MusikerInnen können stundenlang im Probenraum verbracht haben. Die Theorie sitzt, die Finger laufen wie die einer Zauberhand. Doch dies unterscheidet sich von dem Moment, in dem man auf der Bühne steht. Hier konzentriert sich alles auf den Moment, hier „muss“ es funktionieren. Learning by jamming: Viele Jazzmusiker treffen sich zur Jam Session, um gemeinsam in unterschiedlichen Besetzungen zu spielen. Zumeist mit Publikum. So wird aus einem Probieren plötzlich ein Bühnenauftritt – und hier verfestigen und entwickeln sich die eigenen Fertigkeiten in kürzester Zeit.

Auch die Führungskraft kann noch so viele Führungstheorien parat, sämtliche Führungsliteratur verinnerlicht und alle gängigen Leitfäden für Mitarbeitergespräche im Kopf haben. Bevor sie sich nicht in die entsprechende Führungssituationen bringt, verfügt sie nicht sicher über ihr Führungsrepertoire. Und warum für das eigene Team nicht mal ein kreatives Meeting zum gemeinsamen Probieren, zum Jammen, ansetzen?

Was gefällt Ihnen an der Jazz-Metapher? Welche weiteren Ähnlichkeiten fallen Ihnen ein?

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